Eventhascherei oder: Manchmal dauerts etwas länger | Prenzlberger Stimme

Eventhascherei oder: Manchmal dauerts etwas länger

hochparken pankow

 

Es gibt da diesen Witz: Ein Skelett kommt zum Arzt. Der Arzt: „’n bisschen spät, wa?“
 
Dass die Anzahl der Fahrräder in dieser Stadt seit Jahren rasant ansteigt, ist nicht unbedingt eine Neuigkeit. Ebensowenig, dass sie irgendwo abgestellt werden müssen.

Da stehen sie dann.

Überall.

Und weil der Mensch an sich nicht immer gut ist und zuweilen nicht nur seines Nächsten Weib, sondern auch dessen Zweirad begehrt, muss das gute Stück irgendwie gesichert werden.
So lässt man nun bei jeder Straßen- oder Bürgersteigerneuerung mehr oder weniger (meist weniger) ästhetisch anspruchsvolle „Fahrradbügel“ in den Boden ein; jeder Kiosk, der etwas auf sich hält, hat eine Abstellmöglichkeit. Jeder Laternenpfahl, jedes Baugerüst, jedes Bäumchen, dessen Stammquerschnitt die durchschnittliche Dicke eines Oberschenkels noch nicht erreicht hat, ist eine potenzielle Anschlussstelle.

Doch irgendwie…

 

„Doppelstock“

Spontan fällt einem da ein Verslein des zur Zeit verstorbenen vogtländischen Dichters Hansgeorg Stelngel ein (aus dem Gedächtnis zitiert):

„Die Menge wankt und weicht nicht – der Händler sagt, es reicht nicht.
Die Menge weicht und wankt nicht, der Händler sagt, es langt nicht.“

Vor allem an den S-Bahnhöfen: Ein Gedränge von abgestellten Drahteseln. Kaum noch ein freies Eckchen, und auch hier die Erkenntnis: Grund und Boden kann nicht vermehrt werden, ein Quadratmeter bleibt ein Quadratmeter. Es sei denn…. – man geht in die Höhe.

Bereits im Jahr 2008 veröffentlichte die damalige Senatsverwaltung für Stadtentwicklung eine Broschüre mit dem Titel „Fahrradparken in Berlin – Leitfaden“, in der mit einer fast schon skurril anmutenden Detailliertheit all die Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie und wo ein Fahrrad parken kann. Auf Seite 16 ein Bild, auf dem eine Anlage gezeigt wird, mit der Fahräder auf zwei Etagen abgestellt werden können. Dazu eine kurze Erklärung: „In Fahrradstationen oder in beeng­ten Verhältnissen können mit mechanischen Hilfen, sog. Doppelparkern, Fahrräder in zwei Ebenen geparkt und so die Aufstellkapazität verdoppelt werden.“ Sieh einer an…
 

Fünf Jahre später…

Es muss im Jahr 2013 gewesen sein – also nur ein halbes Jahrzehnt nach jener Publikation der Senatsverwaltung – als Bezirksstadtrat Jens-Holger Kirchner den BVV-Ausschuss für Stadtentwicklung (oder war’s jener für Verkehr?) mit der Äußerung überraschte, gegen den Wildwuchs der Fahrradabstellerei an den S-Bahnhöfen müsste mal was unternommen werden. Er habe da auch schon eine Idee: In Bernau gäbe es ein Fahrradparkhaus, da werden die Räder übereinander abgestellt… !

Ein paar Wochen später kam „Bernau“ in einer Sitzung noch einmal zur Sprache. Vielleicht, so der Stadtrat, sollte man mal eine Exkursion nach dorthin unternehmen, um zu sehen, wie das geht: Fahrräder übereinander. Natürlich hätte man auch nach Bremen fahren können, nach Köln oder in irgend eine andere deutsche Stadt. Aber Bernau liegt halt näher bei Pankow als Offenburg.

Ob die Fernreise ins brandenburgische Ackerbürgerstädtchen tatsächlich stattfand, ist unbekannt. Erinnerlich ist aber, dass der Bezirksstadtrat wohl Anfang 2014 erwähnte, dass man auch in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt der Sache wohlwollend gegenüberstehe, und sicher noch in diesem Jahr…

 

„Nun fang‘ wa jjjjjleich an…“ (Otto Reutter)

Und tatsächlich: Schon im Juli 2014 ließ der in der Senatsverwaltung fürs Fahrradfahren zuständige Staatssekretär Christian Gaebler (SPD) vor seinem Dienstgebäude eine Doppelstock-Parkmöglichkeit errichten.

Für genau zwei Fahrräder – eines oben, eines unten.

Zu Demonstrationszwecken. Für alle, die sich eine Reise nach Bernau nicht leisten können.

Zum Beispiel die Verantwortungsträger von BVG und S-Bahn. Die wollen nämlich, so der Tagesspiegel in einem Bericht über den Event, „möglichst wenige Fahrräder in ihren Bahnen und zeigten sich daher interessiert an der zweistöckigen Lösung an den Bahnhöfen.“

Und weiter ging es im rasanten Tempo. Nur zwei Monate später meldete die Berliner Morgenpost:

„…im kommenden Jahr (also 2015 – ODK) (werden) am S-Bahnhof Mexikoplatz und am U-Bahnhof Krumme Lanke im Berliner Südwesten entstehen, kündigte Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler (SPD) am Sonnabend an. Auch am S-Bahnhof Zehlendorf und in Pankow sollen Flächen reserviert werden, damit dort mittelfristig Fahrradparkhäuser errichtet werden können. Im aktuellen Doppelhaushalt steht für solche Neubauten eine halbe Million Euro zur Verfügung.“

Man müsste mal nachforschen, wo die halbe Million abgeblieben ist, denn ein vom Senat finanziertes Fahrradparkhaus ist bis heute weder am Mexikoplatz noch sonst irgendwo in Berlin zu finden. Dafür war im April 2015 zu lesen:

„Der Senat denkt über ein Konzept für Abstellmöglichkeiten für die wachsende Zahl von Fahrrädern in der Stadt nach. Im nächsten Jahr soll ein Entwurf fertig sein.“

Unser Senat, wie ihn die Berliner kennen und lieben: Vollmundige Ankündigung – und dann, wenn das Projekt eigentlich seiner Bestimmung übergeben werden soll, wird erstmal über ein Konzept nachgedacht.

 

„Eilt!“

Auch in Pankow zog sich die Sache hin. Nachfragen beim Stadtrat wurden schmallippig mit „Verhandlungen mit der Deutschen Bahn wegen der Finanzierung“ beantwortet.
Doch im Sommer 2015 waren dann die Geldfragen und die Anzahl der Stellplätze (330) geklärt, der Auftrag wurde ausgeschrieben und die Gerätschaften aufgebaut.

Wie sich nun zeigt, ist die Anlage viel zu klein. Sie nimmt nur einen Bruchteil der am S-Bahnhof Pankow abgestellten Fahrräder auf. Der übergroße Rest füllt nach wie vor das von der grauschwarzen Bausünde übriggelassene Stück des Garbatyplatzes.

Gestern (25. Februar) wurde nun eine mit dem Vermerk „Eilt!“ versehene Pressemitteilung in die Welt geschickt. Nicht etwa mit der Nachricht, dass nun ganz schnell („Eilt!“) auf Grund des großen Bedarfs noch ein paar Doppelstockeinheiten dazugestellt werden. Nein, es war bloß Einladung zu dem Eröffnungs-Event der bereits bestehenden Park-Maschine:

„Zur offiziellen Inbetriebnahme der Anlage laden wir Sie herzlich ein. Christian Gaebler, Staatssekretär in der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Jens-Holger Kirchner, Stadtrat für Stadtentwicklung des Bezirksamts Pankow, und Peter Buchner, Vorsitzender der Geschäftsführung der S-Bahn Berlin, kommen mit dem Rad. Am praktischen Beispiel demonstrieren sie die leicht bedienbare Technik.“

„Zur offiziellen Inbetriebnahme…“. Die am Montag zu eröffnende Radabstellanlage ist seit Mitte Dezember in Betrieb.

 
Ein Skelett kommt zum Arzt…

 

garb

 

 

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Kommentar zu “Eventhascherei oder: Manchmal dauerts etwas länger”

  1. Ich bitte der Chronik hinzuzufügen, was der damalige Stadtrat für Ordnung zu diesem Thema sagte, nachzulesen hier: http://l.facebook.com/l.php?u=http%3A%2F%2Fwww.die-linke-pankow.de%2Flinksfraktion%2Fdrucksachen%2Fvi_wahlperiode%2Fka%2F0618%2F&h=fAQHlYMGe

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