Alles ist gut | Prenzlberger Stimme

Alles ist gut

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Das Pankower Bezirksamt zieht in einem aufwändigen Buch eine positive Bilanz der Stadterneuerung in Prenzlauer Berg, Weißensee und Pankow
 

Der Schlusssatz in dem Artikel „Dichtes Gedränge“ in der Sanierungszeitschrift „Vor Ort“ vom September 2012 sorgte einst für Unmut im Pankower Stadtentwicklungsamt. Dabei galt die Formulierung „Operation gelungen, Patient tot“ eher einer Prognose, denn einer Zustandsbeschreibung. Trotzdem, so wollte man an der Storkower Straße das Ergebnis von 25 Jahren Stadterneuerung in den sieben Sanierungsgebieten von Prenzlauer Berg (5), Pankow (1) und Weißensee (1) nicht gewürdigt wissen.

Wenn schon die drei Ausgaben später eingestellte, steuerfinanzierte Sanierungszeitschrift das nicht leisten wollte oder konnte, dann, so offenbar der Gedanke, müssen diejenigen zu Wort kommen, die im vergangenen Vierteljahrhundert sich beim Milliarden Euro teuren Umkrempeln der Stadt ihre Meriten als Sanierungsbeauftragte, Betroffenenvertreter, Mieterberater oder Verwaltungsmitarbeiter verdienten.
Und so gab Pankows Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung Jens-Holger Kirchner das schwergewichtige Imagedruckwerk mit dem sperrigen Titel „Eine Stadt verändert sich – Berlin Pankow 25 Jahre Stadterneuerung“ beim Friedrichshainer Stadtplanungsbüro „Planungsgruppe Werkstadt“ in Auftrag.
 

Keine kritische Aufarbeitung

Herausgekommen ist ein Buch, das in vielem jenen bunten Broschüren ähnelt, welche seit 1992 immer mal wieder im Briefkasten auftauchten und mit bunten Bildern und steifen Texten die Erfolge der Sanierung preisten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Autorenschaft im Wesentlichen aus am Sanierungsprozess beteiligten Stadtplanern und Architekten, Soziologen und Bauingenieuren besteht. Journalistische Kompetenz sucht man in dem Buch indes vergeblich – und das in einer Stadt wie Berlin. Es erscheint darum naheliegend, dass eine betont kritische Aufarbeitung der städtebaulichen wie soziologischen Umwälzungen nicht unbedingt das Ziel dieser Arbeit war.

Nichtsdestotrotz gibt es jedoch zwei Beiträge, die aus dem stadtplanerischen Einerlei herausragen.

Zum einen ist es der Text von Matthias Klipp, der von 1990 bis 1996 Baustadtrat in Prenzlauer Berg war. Seine aus persönlicher Sicht reflektierten Veränderungsprozesse im einst „größten zusammenhängenden Sanierungsgebiet Europas“ erinnern wenig beschönigend an das Wie und Warum der Sanierung.

Unter der so unattraktiven wie falschen Überschrift „Die politische Steuerung der Stadterneuerung in Bezirk Pankow“ beschreibt Klipp den Status Quo von 1990 in Prenzlauer Berg, ruft noch einmal die heute unvorstellbar hohe Zahl von 10.000 leeren Wohnungen in Erinnerung und die diversen Bemühungen von sehr verschiedenen Akteuren – nicht zuletzt zahlreichen Hausbesetzern – um die Beseitigung dieses Leerstands. Er beschreibt verschiedene politische Konzepte und ihre Auswirkungen und gibt zum Schluss auf die selbstaufgeworfene Frage: „Sind wir alle geblieben?“, eine ambivalente Antwort.

 

Wandel mit bitteren Konsequenzen

Noch einen Tick analytischer ist der Beitrag von Matthias Bernt, der vor 15 Jahren über die Berliner Stadtentwicklungspolitik promovierte, in jener Zeit auch als Betroffenenvertreter im Sanierungsgebiet Helmholtzplatz die Interessen der Anwohner im Sanierungsprozess vertrat und einst gemeinsam mit dem streitbaren Stadtsoziologen Andrej Holm mit dem Buch „Rübergeklappt“ eine fundierte Auseinandersetzung mit den Ansprüchen und der Realität der in Kreuzberg in den Achtzigerjahren konzipierten Behutsamen Stadterneuerung im Ostteil der Stadt vorlegte.

Bernt beschreibt gut nachvollziehbar den Wandel von einer sozialstaatlich geprägten und zunächst überwiegend steuerfinanzierten Sanierung der maroden Gründerzeitquartiere am Anfang der Neunzigerjahre, über den zunehmenden Rückzug des Staates aus dem Sanierungsprozess, bis hin zur politisch forcierten privatfinanzierten Gebäudeerneuerung, in deren Ergebnis im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends ein Boom auch in der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen vollzogen wurde – mit häufig bitteren Konsequenzen für die Mieter.

 

Jens-Holger Kirchner: Reale Verdrängung hat es nicht gegeben

Es ist natürlich dem Bezirksstadtrat Jens Holger Kirchner als Initiator des mit öffentlichen Mitteln finanzierten Buchs vorbehalten, auch das letzte Wort darin zu haben. Und er nutzt es für ein sehr streitbares Fazit: „Wenn sich nach 25 Jahren so ziemlich alles geändert hat – kann man nicht wirklich von Verdrängung reden, wenn fast 20 Prozent der damaligen Bevölkerung im Kiez wohnt“. Erst jetzt, wo es keine Sanierungssatzung mehr gibt, aber eine zweite Sanierungswelle Pankow überrolle, würden, so seine Einschätzung, „reale Verdrängungen“ drohen. Man sei aber heute mit dem Sozialen Erhaltungsrecht gut gewappnet.

Sanierung? Das sei nunmehr nur noch Geschichte.
 
Zwischenüberschriften: Prenzlberger Stimme

 

Der Autor

hartmutHartmut Seefeld war von 1992 bis Ende 2012 Redakteur der Pankow/Prenzlauer Berger Sanierungszeitschrift „Vor Ort“ und hat dort über zwei Jahrzehnte lang die Umgestaltung der heutigen Pankower Stadtteile journalistisch begleitet.

 

 

 

 

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