Dreck | Prenzlberger Stimme

Dreck


 

Sad lebt in irgend einer deutschen Stadt, er mag deutsche Literatur und Philosophie und ist in einem Alter, in dem man ihn mit diesen Interessen eigentlich im Hörsaal einer Universität vermuten sollte.
Ist er aber nicht.
Denn er hat einen entscheidenden Makel: Er ist Iraker und lebt illegal in Deutschland. Sein Zuhause ist eine schäbigen Absteige und die er sich mit einem Ägypter teilt.

Das Land seiner einstigen Träume ist ihm längst ein Albtraum geworden. Er hält sich mit dem Verkauf von Rosen über Wasser, die er einem Kioskbesitzer abkauft und mit wenigen Cent Gewinn in Lokalen weiterverkauft.

Dabei begegnen ihm immer wieder Abschätzigkeit, Nicht(be)achtung bis hin zum blanken Rassismus. Sad wehrt sich nicht. Er frisst es auch nicht in sich hinein – zumindest nicht lange. Stattdessen übernimmt in einer Art von Selbsthass die Erniedrigungen, die Verachtung, den Hass – und richtet all das gegen sich selbst.

„Ich habe keine Rechte, denn ich bin illegal. Wenn ein weißer Junge stirbt, ist das viel schlimmer als wenn ein arabischer Junge stirbt. Ich bin beschnitten, das ist barbarisch. Das alles ist wissenschaftlich erwiesen.“

„Wir essen Knoblauch und Zwiebeln, wir putzen keine Zähne, wir sind Verräter, wir nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg und nutzen das Sozialsystem aus.“

Er redet sich immer mehr in Rage: Natürlich habe er kein Recht auf ein Leben in dieser schönen Stadt mit den vielen Parkbänken: „Ich habe kein Recht auf der Parkbank zu sitzen!“ ruft er nicht etwa anklagend, sondern wie aus tiefster innerer Überzeugung um dann den „Parkbankmenschen“ zu bescheinigen: „Ihr seid so gütig. Ihr seid so geduldig.“

Nur einmal fühlt er sich tatsächlich gekränkt: Als jemand seine Rosen wortlos mit freundlichem Blick ablehnt.
 

Zeitlos verstörend

Das Ein-Personen-Stück „Dreck“ des Österreichers Robert Schneider, das wie eine zynische Reaktion auf die sogenannte „Flüchtlingskrise“ und der ihr folgenden Hasswelle von Rechts und Halbrechts erscheint, ist schon über ein Vierteljahrhundert alt.
Geschrieben hatte es Schneider unter dem Eindruck des „zweiten Golfkriegs“ im Jahr 1991, ein Jahr bevor Schneider mit den Roman „Schlafes Bruder“ international bekannt wurde.

Regisseur Oleg Myrzak

Seither wurde es im deutschen Sprachraum unzählige Male auf die Bühne gebracht. Nicht selten griffen die Regisseure auf Darsteller zurück, wie etwa jüngst in Oldenburg oder Duisburg.

Im Theater unterm Dach am Thälmannpark vertraut Regisseur Oleg Myrzak dagegen auf den gebürtigen Hamburger Timur Işık, mit dem er unter anderem am selben Ort auch schon Büchners Woyzeck inszeniert hatte.

Das Bühnenbild besteht einzig aus einer in der Mitte platzierten Mülltonne – Sinnbild für das „Zuhause“ von Sad.

Am Beginn entsteigt er dem Abfallbehälter, kleidet sich an und begibt sich auf den Weg durch seine Welt, sie nicht die Seine ist und der er sich doch bis zum Irrwitz anpasst. Gegen Ende der Aufführung ist schon nicht mehr klar: Spricht da noch Sad oder ist der Schauspieler aus der Rolle herausgetreten und gibt nur noch – in verschiedenen deutschen Dialekten – des „Volkes Stimme“ wieder.

Ein verstörendes Stück, dass vor einem Vierteljahrhundert schon aktuell war und wohl – leider – auch noch in einem Vierteljahrhundert sein wird.

 
 

Dreck

Autor: Robert Schneider

Regie: Oleg Myrzak

Darsteller: Timur Işık
 

Nächste Aufführungen

24. Januar 2019, 20 Uhr

25. Januar 2019, 20 Uhr

Ort: Theater unterm Dach, Danziger Straße 101


 

Fotos (2): Anton Katz

 

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