“Kiezkieken” in Prenzlauer Berg | Prenzlberger Stimme

“Kiezkieken” in Prenzlauer Berg

Unter der großen Kuppel im Zeiss-Großplanetarium hatten sich die Filmemacher und deren Freunde, Protagonisten und Kiezbewohner sowie Filmenthusiasten und Neugierige versammelt. Volles Haus – abgesehen von den Plätzen, von denen die „Kuppel-Leinwand“ nicht mehr einzusehen war.
Die Frage, wer oder was der Prenzlberger an sich ist oder sein will, konnte allerdings auch an diesem Abend nicht beantwortet werden. Klar wurde aber, dass der Prenzlberger sehr wohl über sich selbst lachen kann und dass er bzw. sie sogar ganz gut mit den Klischees leben können, die über diese Spezies kursieren.

Die Prenzlauer Berger Preisträger

Gespräch nach der Aufführung: Gerald Backhaus

Mit „Ursus berlinensis – Die Bären von Berlin“ von Gerald Backhaus gewann, nach dem Beifall zu urteilen, der absolute Publikumsliebling. Für die Geschichte vom Verhalten männlicher Berliner Bären gab es schon während der Vorführung lebhaften Szenenapplaus. In bester Sielmann-Tradition filmt Backhaus Gebaren und Eigenheiten von Prenzel-Bär, Wedding-Bär und Marzahn-Bär. Die präzise Beobachtung und liebevolle Kommentierung ließen nicht nur die Herzen von Naturfilmern und Stadtbiologen höher schlagen.
Und wenn die Triebe erwachen und das Tier im Mann durchbricht, wird alles so menschlich und erinnert an das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit.

Mindestens die Hälfte der Zuschauer im Saal war noch nicht geboren, als Angelika Andrees ihren Film „Jacki“ gedreht hat. Das 1977 als Diplomfilm für die Babelsberger Filmhoch-
schule entstandene Portrait eines jungen Mädchens, das im Prenzlauer Berg aufwächst, wurde vom Publikum auf den zweiten Platz gewählt.
Das Mädchen Jacki erzählt von sich, ihrer Familie und ihrer Umwelt. Sie erzählt von der Scheidung ihrer Eltern und wie Mutters neuer Mann ihr zwei Geschwister beschert – und wie es vor allem darum ging, sich in einer veränderten Umwelt wieder zu Recht zu finden. Jenseits der „modernen Spaßgesellschaft“ besticht der Film von Angelika Andrees nach wie vor durch eine Beobachtungsgabe und eine Erzählkunst, die heutzutage leider viel zu selten zu bewundern ist.

Gustav Pfaus (Mitte) und Leonard Brenneisen

Nicht ohne Ernst im Ansatz aber mit leichter Hand in der Umsetzung kommt der drittplazierte Film dieses Abends daher. In „KK Kiezklischees“ überprüfen zwei Teenager vor Ort den Wahrheitsgehalt von Denkschablonen.
Warum gilt der Prenzlauer Berg eigentlich als „Bio“, obwohl kaum jemand „Bio“ einkauft? Und warum heißen eigentlich nicht alle Mädchen aus Marzahn Cindy und die Jungen Kevin – wie sich das laut Vorurteil gehört? Schade, dass letztlich ein Erdbeben dem investigativen Treiben der Jungfilmer Gustav Pfaus und Leonard Brenneisen ein Ende setzte, bevor alle Klappmesser in Weddinger Problemvierteln gezählt werden konnten.
 

Kurze Filme – großes Kino

Neben den bereits genannten Preisträger-Filmen gab es natürlich noch mehr sehenswertes. Jedes Genre war vertreten – Spielfilm, Dokumentation, Satire oder Videoclip. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sollen hier nur einige stellvertretend genannt sein.

Schon der Eröffnungsfilm „In this city“ von Robert Donachie kann als Beweis dafür herhalten, dass die meisten Klischees über den Prenzlauer Berg genauso zugereist sind wie deren Verursacher. In diesem Kiez kann Yuppie-Selbstmitleid viel besser zelebriert werden als in Moabit oder Köpenick. Liebeskummer ist doch viel romantischer im Mauerpark als auf dem Kurfürstendamm. Und schließlich ist Berlin und wohlgemerkt auch der Prenzlauer Berg nach Bierpreis gerechnet auch noch billig – aber das ist kein Klischee, das ist wirklich so. Urteil: Nicht ganz so lustig wie der Film eigentlich sein wollte.
 
Der Drehort für den Film „Familienschaukel“ von Tobias Wiemann ist eine kleine grüne Spielplatzoase irgendwo im Kiez. Und das ist auch schon der einzige Bezug zum Prenzlauer Berg – aber das ist eigentlich auch egal. Die kurze Geschichte von Nils, der bei seinem Onkel Rat in Liebesangelegenheiten sucht und diesen dabei in schwerste „Selbst“-Zweifel stürzt, ist ein echter Volltreffer. „Familienschaukel“ ist originell und pointiert.
Empfehlung: Unbedingt ansehen!
 
Dass man auch über Verkehrsschilder stolpern kann, die in drei Meter Höhe hängen, beweist Marion Pfaus. An einer Prenzelberger Lieblingskreuzung – Schönhauser Allee / Bornholmer Straße – spürt die Regisseurin „Phänomene des Alltags“ auf. Warum muss eine Mega-Baustelle widersprüchlich beschildert sein? Müssen telefonische Auskünfte des Bezirksamts verständlich sein?
Was wie ein Telefonstreich einer Radio-Morning-Show daher kommt, ist Wirklichkeit. Und wenn es während der Dreharbeiten neben der Kamera auch noch kracht (glücklicherweise nur Blechschaden), bedarf es keines weiteren Beweises dafür, dass Schilda überall sein kann.
Urteil: Unterhaltsam, sehenswert.
 
Was tun, wenn die Zweckehe, die die Geliebte vor der Abschiebung schützt, ins Schlingern gerät. Hin und her gerissen zwischen Lebenslust und politischer Verantwortung sucht „Bis ans Ende Eurer Tage“ von Thorid Zänker nach einer Antwort. Ehe ist aus Prinzip keine Lösung.
Die Geschichte ist einfach und wiederum komplex – so wie das Leben an sich. Thorid Zänker beschreibt gefühlvoll den ständigen Wechsel von Hoffen und Bangen, auflodernder und erlöschender Liebe, Vertrauen und Misstrauen vor dem Hintergrund starrer gesellschaftlicher Regeln und Zwänge.
Urteil: Lust- und schmerzvoll zugleich, ansehen!
 
Die Karaoke- und sonstigen Vorführungen im kleinen Amphitheater im Mauerpark ist Touristenattraktion und Wochenendspaß für Kiezbewohner gleichzeitig. Das Spektakel wird von der zahlreichen Fangemeinde bejubelt und von so manchem Anwohner und Spaziergänger misstrauisch beäugt. Zum Police-Song „I’ll be watching you ..“ lässt Matthias Fritsch die Kamera über das interessierte und teils mit sich selbst beschäftigte Publikum streichen. Im Programmheft als Experimentalfilm ausgewiesen, spielt der Film Ausschnitt, Blickwinkel und Zoom ohne die Perspektive grundsätzlich zu ändern – gut 13 Minuten Zeit um über Subjekt und Objekt bzw. um über Bild und Betrachter zu sinnieren.
Urteil: Philosophisch wertvoll, spaßig, ansehen.
 
„Warten“ von Wicki Bernhardt und Daniel Kupferberg ist ebenfalls ein Experimentalfilm. Die Frage, was uns die Filmemacher damit sagen wollen, verbietet sich von selbst – aber welche Fragen werden überhaupt gestellt(?)
Ist der Mensch ein Chamäleon? Gestaltet der Kiez den Menschen oder umgekehrt? Ist Warten Lebenszweck oder – ziel? Und wo gibt’s eigentlich diese unglaublichen Klamotten?
Urteil: Angucken und selber nachdenken.
 
Der Film „Licht, Luft und Farbe – die Wohnstadt Carl Legien in Berlin“ dokumentiert ein Stück Berliner Geschichte, Architektur und Lebensgefühl. Die Kamera bewegt sich sensibel zwischen öffentlichem und privatem Raum, zwischen gesellschaftlichem Anspruch und individueller Nutzung. Viele Bewohner der Siedlung leben seit ihrer Geburt dort und können bzw. wollen sich nicht vorstellen, jemals woanders zu wohnen. Der Wohnstadt Carl Legien, die 2008 in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde, haben die Filmemacher mit ihrem Streifen so etwas wie ein kleines Denkmal gesetzt.
Urteil: Dieser Film gehört in die Endlosschleife des Heimatmuseums, damit ihn jeder sehen kann.

 

 

Kiez-Treffen zum Finale

Am kommenden Sonntag, dem 27.11. treten ab 16:30 Uhr in der WABE (Danziger Str. 101, 10405 Berlin) die Gewinnerfilme aus den drei Kiezen mit- und gegeneinander an. Für alle, die sich bisher nur im eigenen Bezirk bewegt haben, die letzte Gelegenheit ganz gemütlich über die Kiezgrenzen hinaus zu blicken.

Kiezgewinner WEDDING:
„Plötzensee“ von Michael Terhorst (1.)
„Unsere Torfstrasse“ von Sven Mücke (2.)
„Anton“ von Jenny Käfer (3.)

Kiezgewinner PRENZLAUER BERG
“Ursus Berlinensis – Die Bären von Berlin“ von Gerald Backhaus (1.)
“Jacki“ von Angelika Andrees (2.)
“KK Kiezklischees“ von Gustav Pfaus und Leonard Brenneisen (3.)

Kiezgewinner MARZAHN
“Die Schule an der Weide“ von Paul Conrad, Andreas Creutzmann, Silvio Schwartz (1.)
“Rund um den Butzer See“ von Rolf Diessner (2.)
“Perspektive Marzahn“ von Daniel Heimbach und Sebastian Finck (3.)

 

 

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