Mit RTL zum neuen Garten | Prenzlberger Stimme

Mit RTL zum neuen Garten

Mittwochabend gegen 18.30 an der Darßer Straße 203. Die meisten Fenster am Dienstsitz der Pankower Bezirksamts-
abteilung für Stadtentwicklung sind dunkel, nur in den Fluren brennt noch Licht. Und auch das Büro von Stadtrat Jens-Holger Kirchner ist illuminiert.
Doch im Eingangsbereich vor dem Haus und innen drin hewrrscht ein für diese Zeit ungewöhnlicher Betrieb. Fünfzehn, sechzehn Leute stehen da herum, einige von ihnen haben technisches Gerät dabei: TV-Kameras und Mikrofone. Es ist ein Fernsehteam von RTL – die anderen Personen sind die ehemaligen Pächter jenes Teils der Kleingartenanlage

“Famos”, die für den Bau eines “ökologisch wertvollen“ Wohnhauses eines als „Baugruppe“ bezeichneten geschlossenen Immobilienfonds namens „Himmel und Erde“ weichen musste.
Die rebellischen Laubenpieper waren im Kampf gegen die Betonierung ihrer Parzellen schon immer sehr kreativ: Ihre Kleingartenanlage an der Pankower Brehmestraße glich in den vergangenen Monaten ob der vielen Transparente einem grünen Protestcamp; es gab Mahnwachen, Proteste in der BVV, 16.000 Unterschriften gegen die Gartenbetonierung wurden gesammelt, und einen zweiteiligen Spielfilm – eine beißende Satire auf den Grundstücksverwerter Ulf Maaßen – hatten sie produziert.

Doch geholfen hatte es nichts: Vor ein paar Wochen verkün-
dete Wolfgang Wölfer, der Vorsitzende des als Hauptpächter des ehemaligen Bahnlandes agierenden Bezirksverbandes der Gartenfreunde Pankow, dass er nicht wie von den Kleingärtnern gewünscht, den Klageweg gegen den Verkauf des Geländes an „Himmel und Erde“ bis in die letzte Instanz beschreiten werde und sich mit der Deutschen Bahn AG auf einen Vergleich geeinigt habe.
Auch wenn die grüne Oase nun aus rechtlicher Sicht nicht mehr zu retten war, steckten die Kleingärtner nicht auf. Nun geht es ihnen um einen Ersatz für ihr verlorenes Paradies – denn obwohl Bezirksverbandschef Wolfgang Wölfer erklärte,
die landlos gewordenen Pächter wären auf anderen Parzellen untergekommen, berichteten die Betroffenen anderes.

Nun schafften es die Famosler, den Kölner Privatsender RTL für die Sache zu interessieren. Der bereitet eine neue Reality-TV-Reihe in altbekannter Konstellation vor (in Bedrängnis geratene Menschen rufen einen Anwalt, der die Sache dann in ihrem Sinne klärt) – die Geschichte um die Famos-Gärtner soll der Pilotfim der neuen Reihe werden.

Auf den Gängen des Dienstgebäudes und im Konferenzsaal wurden ein paar Schnittszenen gedreht und einige O-Töne aufgenommen, danach begaben sich alle in einen Konferenz-
raum, in dem der Stadtrat sie bereits erwartete.

Die Realisatorin des Films, die diesen Termin organisiert hatte, wollte eigentlich einen „Runden Tisch“ vor die Kamera bekom-
men: Neben Stadtrat Jens-Holger Kirchner und Kleingärtnern hätten Vertreter der „Baugruppe“ und der Vorsitzende des Kleingartenverbandes daran teilnehmen sollen. Doch von den letztgenannten gab es Absagen und also war das Fehlen von großen konfrontativen Szenen vorprogrammiert.
Stadtrat Kirchner erläuterte die Rechtslage und erklärte, warum er laut Baugesetzbuch eine Baugenehmigung an „Himmel und Erde“ erteilen musste. Der RTL-Rechtsanwalt bestätigte seinen „Mandanten“, dass die Rechtslage tat- sächlich so sei, wie von Kirchner geschildert.

Dann berichtete der Bezirksstadtrat, dass er gleich nach seinem Amtsantritt vor einem Jahr versucht hätte, eine Lösung des Famos-Problems herbeizuführen: Er hatte vor, die Bahn und den Kleingartenverband zueinander zu bringen, um einen Verkauf der Grundstücke an die Kleingärtner zu erreichen. Leider habe er sich dabei nur Absagen eingehandelt.

Dann kam auch wieder der Fernsehanwalt zu Wort und fragte, ob denn Möglichkeiten für die Kleingärtner denn bestünden, zeitnah wieder ein Stück Land beackern zu können.

Und siehe da: Es bestehen welche.

Südlich der Keingartenanlage Famos, zum „Nassen Dreieck“ hin (siehe Karte unten), befindet sich das Land ebenfalls im Besitz der Bahn. Verwerten kann es das Unternehmen nicht, denn es ist als Grünanlage ausgewiesen. Also bestehe die Möglichkeit, es zu erwerben. Zum Quadratmeterpreis von fünf Euro.
Und dann erzählte Kirchner vom „Essener Modell“. Das besteht – kurz beschrieben – darin, dass Grundstücke nicht gepachtet, sondern gekauft werden. Zum Beispiel vom Kleingartenverband, der die Parzellen dann seinen Mitglieder überlässt. Das Problem aber ist: Der Pankower Verband hat seine Ablehnung des Essener Modells bereits kundgetan.
Doch, so Kirchner, es muss ja nicht der Verband sein, der als Käufer auftritt. Das könnten die Kleingärtner auch selbst tun – oder aber ein von ihnen gegründeter Verein.
Die derzeit grund- und bodenlosen Kleingärtner wurden sich schnell einig: Das wäre durchaus ein Modell für sie. Und also baten sie den Stadtrat, bei der Deutschen Bahn nachzufragen, ob eine Bereitschaft zum Verkauf vorhanden sei. Kirchner versprach, dies noch im Dezember zu erledigen.

Und danach wird wohl das RTL-Team wieder anreisen.
 

 

 

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2 Kommentare zu “Mit RTL zum neuen Garten”

  1. Kania

    Jul 10. 2013

    Jetzt ist es ein halbes Jahr her, seit dem gegen Naturschutzrecht und Anwohner-Votum brutalen Kahlschlag dieser Ego-Baugruppe – aber trotz Baugenehmigung des Bündnis-Grün geführten Stadtentwicklungsamtes – bereits vom Sommer2012 – ist noch nicht mal das jetzige Brachenareal gesichert oder auch nur ein winziges Anzeichen der Schaffung neuen Wohnraumes am lauten Bahndamm sichtbar. Oder wird jetzt auch noch auf Weiterverkauf Boden-spekuliert?

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