Im Colosseum: DEFA, Kirche, Christen | Prenzlberger Stimme

Im Colosseum: DEFA, Kirche, Christen

_01Die Kinosäle 9 und 10 im Filmtheater Colosseum waren bis auf den letzten Platz besetzt, 500 Besucher fanden Platz, eviele weitere mussten abgewiesen werden. Dabei stand weder ein Berlinale-Beitrag auf dem Programm, noch die Reise zur Mittelerde.

Wohl aber eine Reise in eine andere Zeit.

Gezeigt wurde der DEFA-Film “Einer trage des anderen Last” von Drehbuchautor Wolfgang Held und Regisseur Lothar Warnecke, der von zwei jungen Männern erzählt, die Anfang der 1950er Jahre in einem Lungenheilsanatorium ein Zimmer teilen müssen. Das Problem: der eine ist ein glühender

Saal 10 im ''Colosseum'': besetzt bis auf den letzten Platz

Saal 10 im ”Colosseum”: besetzt bis auf den letzten Platz

Kommunist, der andere – nicht weniger enthusiastisch in seinen Anschauungen – Christ und angehender Pfarrer.

Der Filmaufführung war der Auftakt einer vom Ökumenische Arbeitskreis Prenzlauer Berg Reihe mit dem Titel “Glaube und Kirche in DDR-Filmen”. Insgesamt fünf Streifen – von der Komödie (“Ein irrer Duft von frischem Heu”) bis hin zum 50er-Jahre Monumentalschinken (“Thomas Müntzer”) sollen das Verhältnis von Kirche und Staat in der DDR anhand der Darstellung von Christen in der DDR-Filmkunst aufzeigen.
Zu jedem Film werden Zeitzeugen eingeladen, die nach jeder Aufführung über Geschichte und Hintergründe des jeweiligen Werkes Auskunft geben.

Nach der Aufführung: Fragen an die Zeitzeugen

Nach der Aufführung: Fragen an die Zeitzeugen

Tatsächlich waren DDR-Filme – sei es im Fernsehen, sei es auf der Leinwand – immer auch ein Spiegel der offiziellen DDR-Politik. Und die variierte in den vier Jahrzehnten des Bestehens des kleineren deutschen Staates beträchtlich.

So lag zum Beispiel das Treatment von “Einer trage des anderen Last” schon 1973 vor. Es war der Beginn der Honecker-Ära, der durch eine gewisse (kulutur-)politische Öffnung gekennzeichnet war.

Umgesetzt wurde das Projekt seinezeit aber nicht mehr: Die SED-Führung zog die Zügel wieder straffer – und mit der Biermann-Ausbürgerung im Jahr 1976 war der leichte Hauch

 Manfred Möck,Darsteller des Hubertus Koschenz (rechts)

Manfred Möck,Darsteller des Hubertus Koschenz (rechts)

von Liberalität dann auch schon wieder verweht.

Erst in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre, als der Zerfall der staatlichen Autorität immer deutlicher wurde und es auch innerhalb der DDR-Führung immer stärkere Differenzen gab, konnte der Film realisiert werden.

Wie an dem Abend zu erfahren war, lag die Aufsicht über das Filmprojekt nicht – wie sonst üblich – beim Ministerium für Kultur der DDR, sondern beim Staatssekretariat für Kirchen-
fragen. Horst Dohle, seinerzeit Büroleiter bei Staatssekretär Klaus Gysi (dem Vater des heutigen Links-Politikers), erzählte, wie die Sache beinahe klandestin vorangerieben wurde. Gysi senior wollte sich damit nicht nicht weiter

Horst Dohle (rechts) : Drehbuch vor den eigenen Funktionären verborgen

Horst Dohle (rechts) :
Drehbuch vor den eigenen Funktionären verborgen

befassen und überließ den Gang der Dinge seinem Bürochef. Horst Dohle: “Und ich habe mich davor gehütet, das Drehbuch unseren Hauptabteilungsleitern auch nur zu zeigen. Hätten die das zu Gesicht bekommen, wäre der Film nie gedreht worden.”

Bei der Premiere, die vor 25 Jahren ebenfalls im “Colosseum” stattfand, waren sowohl SED-Chefideologe Kurt Hager, als auch der damalige Bischof Albrecht Schönherr zugegen. Die Atmosphäre, so berichtete Horst Dohle, sei “eisig” gewesen.

 

 

 

Weitere Filme und Termine von “Glaube und Kirche in DDR-Filmen”

27. Februar 2013, 20 Uhr: Ein irrer Duft von frischem Heu
DDR 1977, 91 Min., Regie: Roland Oehme
Nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Rudi Strahl
 
20. März 2013, 20 Uhr: Martin Luther
DDR 1983, 89 Min., Spielfilm in fünf Teilen, Regie: Kurt Veth
Teil 4. Hier stehe ich…
 
17. April 2013, 20 Uhr: Thomas Müntzer
DDR 1956, 134 Min., Regie: Martin Hellberg
 
26. Mai 2013, 17 Uhr (Familienvorstellung): Die Heiden von Kummerow und ihre lustigen Streiche
DDR/BRD 1967, 94 Min., Regie: Werner Jacobs
Nach dem gleichnamigen Roman von Ehm Welk

 

Flyer von “Glaube und Kirche in DDR-Filmen”.

 

 

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