Anwohner der Michelangelostraße stürmten Ausschusssitzung | Prenzlberger Stimme

Anwohner der Michelangelostraße stürmten Ausschusssitzung

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Eigentlich war eine ganz normale Sitzung des Pankower BVV-Ausschusses für Stadtentwicklung und Grünanlagen angesagt. Doch offenbar hatten Bezirksverordnete und Bezirksamt die Explosivität des Tagesordungspunktes 2 unterschätzt: „Wettbewerbsergebnis Michelangelostraße: Vorstellung des Siegers und Diskussion“ Für die Bezirkspolitiker überraschend, glaubten mehrere hundert Anwohner aus dem Michelangelo-Kiez, sie könnten mitdiskutieren. Dabei hatte nur ein Bruchteilvon ihnen im Tagungsraum Platz. So kam es zu tumultartigen Szenen (siehe Video unten).
 

01aDie Menschen stehen dicht gedrängt im Gang des Hauses 7 des Bezirksamtsgeländes an der Fröbelstraße, auch die Treppen hinunter zum Erdgeschoss sind verstopft – die eintreffenden Bezirksverordneten haben Mühe, sich einen Weg zu bahnen. Um die 300 Anwohner sind aus dem Wohngebiet Michelangelostraße in die Fröbelstraße gekommen und wollen an der Sitzung der Pankower Stadtentwicklungsausschusses teilnehmen. Doch Platz im Tagungsraum wäre höchstens für ein Zehntel von ihnen.

Grund für das Interesse an der Ausschussarbeit war die auf der Tagesordnung stehende Vorstellung des Siegerentwurfs für jene Neubauten, die nach dem Willen des Bezirks auf einem etwa 30 Hektar große Areal beidseitig der Straße entstehen sollen.
 

Anwohner fühlten sich übergangenen

Mehrfach berichteten Zeitungen in den vergangenen Wochen darüber, dass ein Entwurf des Hamburger Architekten Frank Görge als Sieger aus einem Wettbewerb hervorgegangen ist, bei dem es um die Bebauung der freien Flächen in ihrem Kiez geht.

modell

So erfuhren die Anwohner aus den Medien, dass der Sieger-
entwurf rund 1.500 Wohnungen sowie den Bau einer Grund-
schule und einer Dreifachsporthalle vorsieht und dass für die Bauten rund 700 vor den Häusern befindliche Parkplätze in Anspruch genommen werden sollen.
Oder dass es dem Architekten bei seinem Entwurf darum ging, „die Wohnqualität aufzuwerten“, dass er den Kiez städtischer machen will, weil dort „trotz urbaner Lage ein fast vorstädtischer Charakter“ herrsche.

michelangekostraße1Die Bewohner des Michelangelo-Kiezes lasen in der Presse, dass die Berliner Stadtbaudirektorin Regula Lüscher den Entwurf ganz toll findet und über die Begeisterung von Pankows Stadtentwicklungsstadtrat Jens-Holger Kirchner, der den Wegfall der Autostellplätze für vertretbar hält, hielten die Zeitungen sie auch auf dem Laufenden.

Doch niemand aus der Politik hatte bisher direkt mit den Betroffenen, den Anwohnern gesprochen – geschweige denn, sie nach ihrer Meinung gefragt.
Da schien die Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses, auf dem der so hochgelobte Entwurf vorgestellt werden sollte, die beste – weil bisher einzige – Möglichkeit, selbst zu sehen, zu hören – und seine Meinung dazu zu äußern. Doch für den Tagungsraum ist die Menge der Anwesenden schlicht zu klein.
 

Anwohner erreichen Vertagung

Die Stimmung ist gereizt. An der Tür zum Beratungsraum steht Bezirksstadtrat Jens-Holger Kirchner und weiß auch nicht weiter. Man könne doch in den großen BVV-Saal umziehen, ruft jemand da aus der Menge. Nein, antwortet Kirchner, das ginge nicht, weil dort keine Projektionstechnik aufgebaut sei.

04Nicht wenige der Anwesenden glauben offenbar, dass auf dieser Ausschusssitzung über die Bebauung entschieden werden soll. Kirchner versucht zu beschwichtigen: Heute werde nichts entschieden, nur vorgestellt. Er sei bereit, für die Anwohner eine weitere Vorstellung der Planungen zu organisieren.

Die Menge wankt und weicht nicht.

Schließlich äußert jemand die Idee, wenigstens die gewählten Mietervertreter an der Ausschusssitzung teilnehmen zu lassen. Auch die verpufft.

06Schließlich bahnt sich die Menge – oder zumindest jener Teil, der mit Schieben, Drücken und Drängen in den Raum hinein-
passt – den Weg in den Tagungsraum.
Lautstark machen die Bürger ihrem Unmut Luft. An einen Sitzungsbeginn ist nicht zu denken. Schließlich verkündet Ausschussvorsitzender Roland Schröder, dass der Tages-
ordnungspunkt an diesem Abend nicht mehr behandelt wird. Er wird verschoben auf einen noch festzulegenden Termin Anfang März.
„Dann aber im BVV-Saal!“, ruft einer der Anwesenden. „Der reicht nicht“, kommt es als Antwort zurück, „da passen auch bloß 250 Leute rein. Wir werden uns dafür eine Turnhalle suchen.“
Nun erst beginnen die Anwohner mit dem Rückzug. Die Sitzung kann doch noch stattfinden – allerdings ohne den Tagesordnungspunkt 2.

 

Das Ereignis im Video

 

Interview: Bezirksstadtrat Jens-Holger Kirchner überrascht über das große Interesse der Anwohner

 

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17 Kommentare zu “Anwohner der Michelangelostraße stürmten Ausschusssitzung”

  1. irgendwann wird garnicht mehr gebaut werden. und was dann? überall wird verhindert, daß im eigenden umfeld gebaut werden darf. wie viele familien brauchen in pankow größere wohnungen? warum steht zur frage ob eine grundschule oder eine turnhalle gebaut werden darf?

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  2. Sven Rude via Facebook

    Feb 15. 2015

    muss man denn bis unendliche bauen? es wird immer mehr verdichtet, damit sinkt die Lebensqualität! Es sollte an den Randgebieten gebaut werden, die Innenstadt ist voll genug. Für die neuen Wohnungen fehlt auch die Infrastruktur, die Straßenbahn M4 ist doch jetzt schon ständig überfüllt. Wie sollen denn die neuen Bewohner befördert werden??? Die geplanten Wohnungen bringen doch nur neue Probleme…

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    • warum „neue probleme“. die stadt berlin hat immer schon gebaut und sie war bis zu den veränderungen durch die nazis und die bombenteppische im gesammten innenstadtbereich viel viel stärker verdichtet. warum sollen denn immer mehr felder bei berlin besiedelt werden? die leute wollen in der stadt wohnen und da muß sich die stadt dann immer wieder neu erfinden. und die DDR hat an der michelangelostraße einfach nicht weitergebaut, weil die DDR dann perdu war. ebenso auch in der neumannstraße in pankow, da gibts „felder“ zwischen den plattenbauten.

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  3. Es gibt immer wieder einen Weg, die BürgerInnen so vor den Kopf zu stossen, das sie grundsätzlich erst einmal alles skeptisch hinterfragen und dann auch ablehnen. Diesen Weg zu beschreiten, scheint eine der gut bis sehr gut ausgebildeten Kompetenzen von PolitikerInnen zu sein. – Eine Wichtung von vertretbaren Verhältnismässigkeiten in den Planung scheint wiederum eine zu komplexe bzw. anspruchsvolle Aufgabe zu sein.

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  4. Herr Kirchner mal wieder vollkommen überrascht, dass die Demokratie tatsächlich eingefordert wird. Sicher wird er wieder Morgen von „Meckerern und Nörgelern“ sprechen- das Leben ist unterschiedlich 🙂

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  5. Prenzlauer Berg, Pankow und Weisensee waren immer Bezirke mit viel Grünflächen!!!! Seit dem zu zug der süddeutschen hier wird auf Teufel herraus gebaut. Ich könnt nur noch kotzen hier!!!
    ICH bin hier groß geworden!!! ICH WURDE HIER VERDRÄNGT!!!! Keine bezahlbare vernünftige Wohnung mehr im Kiez!!!!
    Und als Kind und Jugendlicher fand ich das wunderschön hier. Viele Spielplätze, große Grünflächen, im Winter rodeln auf dem Berg!
    Die Kinder heute hier im Kiez werden regelrecht in die Wohnung verdrängt! Es wird immer Familien unfreundlicher hier!!!!!!!

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    • ihre perspektive kann ich als pankower seit 2000 leider nicht teilen. ich bin im übrigen aufgewachsen in treptow und geboren in köpenick. mein großvater kommt aus dem wedding, meine tanten wohnen in steglitz und die oma, nach einem zwischen halt in marzahn, wieder in köpenick. berliner sind mobil in der eigenden stadt und diese stadt verändert sich nun mal. warum soll auch immer alles so bleiben wie es war? teile meiner familie wurden auch aus ihren altbauten verdrändt, das war 1978 als man diese abgerissen hat und dann plattenbauten hinsetzte für sehr viele neuberliner aus sachsen. und nun?

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  6. @Ossi van Osburg: Die Geschichte der Bebauung der Michelangelo- und der anliegenden Straßen ist aber eine andere. Dort begann die Bebauung mit den hübschen Q3A-und WBS-70-Bauten bereits 1960! Vorher war es dort grün!http://de.wikipedia.org/wiki/Michelangelostra%C3%9Fe_%28Berlin%29

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  7. Ich weis, früher waren dort Kleingarten und Wochenendgrundstücke wie gegenüber an der Kniprodestr. Meine Großeltern hatten dort ihren Garten bis die Neubauten der Hanns Eisler Str. erreichtet wurden! Als Entschädigung hatten sie eine Wohnung dort zugeteilt bekommen die meine Eltern (mit mir als 6 Jährigen) bezogen haben. Die Wohnung ist immernoch im Familen „besitz“ die Sielplätze von eist sind zurückgebaut oder verwarlost!
    Es ist echt traurig was aus dem Kiez geworden ist. Bezahlbare Wohnungen sind auch nicht mehr vorhanden. Die Preisschraube wird weiter gedreht! Getrifizierung wird methodisch geplant und die Urbevölkerung verdrängt.

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  8. Politik klamm heimlich am Bürger vorbei und dann vor vollendeten Tatsachen stellen……Demokratie

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  9. Jens Müller

    Feb 16. 2015

    Was denn für vollendete Tatsachen? Und was denn klammheimlich am Bürger vorbei? So ein Quatsch – lesen Sie doch den Artikel den Sie hier kommenteren! Und Ossi van Osburg: Keine vernünftige bezahlbare Wohnung mehr im Kiez??? Was ist denn für Sie 2015 eine „vernünftige bezahlbare“ Wohnung? Im Übrigen finde ich das Erscheinen der Bürger und Bürgerinnen bei diesen und anderen Veranstaltungen (die IMMER öffentlich sind) grundsätzlich höchst wünschenswert – inklusive der aktiven Einmischung in die sie ja betreffenden Angelegenheit – genau dafür ist Demokratie da, auch außerhalb von Wahlen (in Russland, China oder auch der Türkei ist das ja, wenn man der Lügenpresse ausnahmsweise Glauben schenken darf, etwas anderes), etwas von dem „Benimm“, den zumindest ich z.B. meinen halbwüchsigen Kindern beizubringen versuche, erwarte ich allerdings auch von diesen „in Ehren ergrauten“ Mitbürgern!

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  10. So viele „besorgte Bürger“.

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  11. Ingrid Herbst

    Feb 18. 2015

    Das ist wohl ein Witz sicherlich wurde nicht richtig vermessen so viel Platz ist nicht um das alles so zu bauen

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  12. Walter Blaha

    Feb 21. 2015

    Niemand hat wohl etwas gegen das bauen, nur dann, wenn es kopflos ist. Berlin steht an erster Stelle aller Großstädte mit den längsten Stauzeiten. Wenn man in die Michelangelostr. 2700 Wohnungen mit ca. 6000 Einwohnern plant entsteht ein Bedarf von ca. 2000 Parkplätzen plus der bereits bestehenden Parkplätze von 820! In Berlin hat jeder 3. ein Auto und nicht wie Herr Kirchner meint jeder Fünfte, wie er am 12.2. bei der Ausschuss-Sitzung behauptete. Man müsste einfach das Statistische Jahrbuch kennen!
    Wie auf dem Modell erkennbar, wird die Michelangelostr. von 2-spurig auf 1-spurig zurückgebaut. In Hauptverkehrszeiten stehen die Autos heute schon bis zur Fußgängerampel an der Bergkuppe. Bis man über die Kreuzung kommt, vergehen mindesten 10 Ampelschaltungen. Was für einen Abgas-Smog dürfen die Einwohner erst dann einatmen? Sieht so eine Erhöhung der Lebensqualität aus? Dieser Bauplan ist in meinen Augen der Bau eines geplanten Chaos! Ein grüner Politiker nimmt uns das Grün weg und erhöht die Umweltbelastung! „Danke schön Herr Stadtbaurat“. Wer will so etwas schon wieder wählen? Abgesehen, dass das Modell Häuser mit Hinterhöfen zeigt, die an das früheste Berlin erinnert. Klasse! Fakt ist wohl, das die Planer und auch der Architekt wohl nicht hier im Kiez wohnen werden. Gibt es im Ausschuss überhaupt jemanden aus unserem Kiez?

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    • Jens Müller

      Mrz 05. 2015

      Na, dann kommen Sie am Dienstag, 10.03. 19:30 Uhr in den BVV Saal und tragen Sie Ihre Bedenken vor (Aber bitte sachlich und ohne Schreien, Danke!).

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