Platz für Paläste | Prenzlberger Stimme

Platz für Paläste

Die Umstrukturierung von Prenzlauer Berg und die damit verbundene Veränderung der sozialen Zusammensetzung der Einwohner – auch „Gentrifizierung“ genannt – tritt in eine dritte Phase ein. Waren es bisher die Modernisierungen (samt der damit verbundenen Mietpreiserhöhungen) und die Errichtung luxuriöser Neubauten auf Brachflächen, die eine „Aufwertung“ des Gebietes und damit einen Austausch der Bevölkerung mit sich brachten, so soll nun erstmals bereits modernisierter, aber immer noch preiswerter Wohnraum zugunsten von neuen teuren Luxusbauten abgerissen werden.
 
Der Kollwitzplatz sei „Eine der besten Adressen Berlins“ war in dem Werbeflyer der Firma ECON-CEPT zu lesen, mit dem sie ihr Projekt „Palais KolleBelle“ bewarb. Die Werbung für die auf einer Brache in der Nähe des Kollwitzplatzes geplanten Luxuswohnmaschine war wohl überflüssig: Bereits im August 2007 – da war noch kein einziger Stein verbaut – vermeldete eine Tageszeitung, dass 75 der 77 Wohnungen schon verkauft seien.

Das Wortspiel im Namen des Projektes weist nicht nur auf die örtliche Lage des Quartieres an der Kollwitz- und Belforter Straße hin. „Palais KolleBelle“ – das sollte gleichzeitig Alt-Pariser Flair suggerieren und die historisierende Architektur an die „Belle Époque“ des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts erinnern. Marc Kocher, der die Gebäude am Dreieck Belforter/Kollwitzstraße entworfen hat, schreibt dazu:


„Heute ist aus dem traditionellen Arbeiterviertel eine schon legendäre Adresse für moderne Großstädter und Szenegänger geworden. (…)
Ob rund um den Domplatz von Milano, die Rue Montmartre in Paris – das dichte Nebeneinander verschiedener Lebensformen wird von einer Architektur aufgenommen, die einerseits Tradition bewahrt und gleichzeitig mit den Spielräumen des modernen Lebens experimentiert.“

 
Die – dezent formuliert – leicht verzerrte Wahrnehmung der Realität, die Kocher hier öffentlich zur Schau stellt, ist bemerkenswert und entbehrt nicht eines Anfluges von Größenwahn: Stellt er doch so en passant seine vier ebenso zwanghaft wie einfallslos auf „Alt“ getrimmten Klötze auf eine Stufe mit über die Jahrhunderte hinweg gewachsene Ensembles von europäischem Rang.
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Bautraditionen ignoriert

Kochers Dagobert-Duck-Architektur ist aber das genaue Gegenteil seiner blumigen Behauptungen. Da sind keine aufgenommenen oder gar bewahrten Traditionen zu erkennen, da gibt es keinen Bezug zum Standort: Dieselben gesichts- und geschichtslosen Bauten könnten ebenso gut in Buenos Aires, St. Petersburg oder Ulm stehen und würden dort genauso passend unpassend wirken wie im Kollwitzkiez.

Nicht der Standort und seine Historie spielen bei Kochers Architektur eine Rolle, sondern die Wünsche und die Bedürfnisse der anzusprechenden Käuferklientel: Angehörige jener vermeintlichen Globalisierungselite, die wurzellos zwische Paris, Rom und Erkner, zwischen Barcelona, New York und Hongkong unterwegs ist, die „die Welt“ ihr zu Hause nennt und sich temporär dort niederlässt, wo es „angesagt“, „hipp“ und „authentisch“ ist. Oder das, was man dafür hält. Schon vor zwölf Jahren schrieb Andreas Schäfer in der Berliner Zeitung über den Wandel am Kollwitzplatz:

„Man kann jetzt hier so leben wie auch in New York oder Düsseldorf, inklusive des frischgepreßten Orangensaftes. Der Osten, scheint es, hat dabei nur die Rolle des morbiden Hintergrunds, des atmosphärischen Beigeschmacks. Der Osten sorgt mit seinem angeblichen Hauch des Echten für den sogenannten authentischen Moment in der Lebensinszenierung. Der Osten verschwindet aber und übrig bleibt in diesem System nur noch ein ab-straktes, inhaltlich entleertes, modisches Zeichen: Ost.“

Der Wandel ist radikal und zugleich paradox: Das Verlangen, sich in unmittelbarer Nähe des vermeintlich „Authentischen“ niederzulassen, führt zwangsläufig zum zu Verdrängen und damit Verlust auch noch der letzten Reste der einstigen Authentizität.
 

Bewegte Geschichte

Dass im Kollwitzkiez trotz weitgehender Verdrängung der alteingesessenen, meist eher einkommensschwächeren Bewohner dennoch „verschiedene Lebensformen“ (Kocher) unterhalb sechsstelliger Jahreseinkommen existieren, liegt an der Existenz jener drei unscheinbar wirkenden Häuserblöcke im Hinterland von „KolleBelle“. Mieten zwischen 300 und 400 Euro sind hier die Regel – ein Bruchteil dessen, was sonst in der Umgegend verlangt wird.
Die Bauten vom „Typ 57“ wurden Ende der 50er Jahre von der Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft (AWG) der Humboldt-Universität errichtet. Dabei knüpfte man bewusst an die Bauhaustraditionen an, die in Berlin während der Weimarerer Republik mit der Errichtung der Wohnstadt Carl Legien ihren Höhepunkt erreichten: Einfaches, klares Äußeres, Verzicht auf enge Blockrandbebauung sowie großzügige Grünflächen zwischen den einzelnen Blöcken.

AWGs waren in der DDR meist in Großbetrieben und Institutionen angesiedelte Baugenossenschaften, deren Mitglieder nicht nur einen bestimmten Geldbetrag in die Genossenschaft einbringen, sondern darüber hinaus Arbeitsstunden auf AWG-Baustellen leisten mussten, um eine Anwartschaft auf eine Genosschaftswohnung zu erhalten.

Obwohl offiziell selbständig, waren in der DDR auch die AWGs den staatlichen Planvorgaben unterworfen. So musste Mitte der achtziger Jahre die AWG der Humboldt-Uni ihren Wohnungsbestand einer anderen Genossenschaft überlassen und bekam neue Projekte in Hohenschönhausen zugewiesen.

Was für die Bewohner zu DDR-Zeiten lediglich einen folgenlosen Trägerwechsel darstellte, zeitigte nach der deutschen Vereinigung ungeahnte Konsequenzen.
Auf Grund des sogenannten Altschuldenhilfegesetzes musste die nun die Häuser verwaltende WBG Zentrum e.G. 1996 fünfzehn Prozent ihres Wohnungsbestandes abstoßen. Die Bewohner jener Häuser – darunter auch die der Blöcke in der Straßburger/Belforter Straße – schlossen sich zu einer neuen Genossenschaft, der WBG Mendelssohn-Viertel zusammen. Die Häuser wurden aufwändig saniert und den modernen Standards angepasst. Doch dann der Schock: 2004 meldete die Genossenschaft Insolvenz an, die Bewohner verloren ihre Einlagen und der Wohnungsbestand wurde vom Insolvenz-
verwalter verkauft. Das Areal Straßburger/ Beforter Straße ging an eine Luxemburger Investgesellschaft, die veräußerte die Immobilie nun an den KolleBelle-Investor ECONCEPT.
 

Geplant: Abriss für KolleBelle 2

Die bekannt gewordenen Pläne von ECON-CEPT-Geschäfts-
führer Rainer Bahr sehen vor, ein sieben Etagen hohes Gebäude entlang der Straßburger Straße zu errichten, die vorhandenen Bauten um zwei Etagen aufzustocken, und unter dem grünen Innenhof eine Tiefgarage zu graben. Sollte das Vorhaben Realität werden, wäre der offene Zugang zu den Häusern passé, die Bewohner lebten plötzlich auf einer Art Hinterhof. Die Preise für die Neubauten dürften wohl nicht geringer ausfallen, als die bei KolleBelle 1 erzielten. Um die siebenstöckige Blockrandbebauung hochziehen zu können, will Bahr zwei Aufgänge der vorhandenen Bauten schleifen lassen. Dies wäre für Prenzlauer Berg eine Premiere: Erstmals würde preiswerter modernisierter Wohnraum der Spitzhacke zum Opfer fallen, um Platz für ein Luxusprojekt zu schaffen.
 

bel

 

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4 Kommentare zu “Platz für Paläste”

  1. Ost-Berlin

    Aug 28. 2010

    Das Kolle Belle ist wirklich sehr schön geworden!!! Hat sich gut in die Gegend integriert

    Reply to this comment
  2. Sandy

    Aug 30. 2010

    Ich bin ehrlich immer wieder erstaunt, dass es im Kolleviertel überhaupt noch Berliner gibt…..dieser Protzpalast und seine Äquivalente in der Winsstrasse, Gleimstrasse etc. tragen eine Energie in den Bezirk, die sich wie eine Käseglocke über den Bezirk ausbreitet. War es vorher noch das alternative Eckchen, ist es jetzt das halbwegs alternative REICHE Eckchen, welches ärmeren oder sagen wir mal höflich „einkommensschwächereren“ Familien – wie ich auch eine solche habe – die Ansiedlung echt erschwert.

    Selbst als „Alt-Prenzlberger“ haben wir als Studenten mit drei Kindern acht Monate nach passendem und bezahlbarem Wohnraum gesucht. Der nächste Umzug wird dann wohl oder übel irgendwann in einen anderen Bezirk gehen.

    Prenzlauer Berg ist das geworden, wogegen er sich jahrelang gewehrt hat. Ein Touristendisneyland in Altbau und für die zugezogenen Besserverdiener (von denen ja auch bestimmt Einige sehr patent und sympathisch sind….) „Neu-Charlottenburg“. Nur Eines ist PBerg nicht mehr – ein Arbeiterbezirk.

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