Wildwest-Premiere im Thälmannpark | Prenzlberger Stimme

Wildwest-Premiere im Thälmannpark

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Am Dienstag Abend hatte Filmemacherin Katrin Rothe (Bildmitte, hier zusammen mit Cutterin Silke Gänger und Kameramann Robert Laatz) zur Premierenfeier ihrer Reportage “Wildwest im Thälmannpark” eingeladen. Zeitgleich mit der Erstausstrahlung im rbb-Fernsehen gab es eine Vorführung für die rund 70 Gäste in der völlig überfüllten “Sportsbar in der Ella-Kay-Straße. Während der Film bei den Zuschauern vor Ort gut ankam, hatten andere offenbar bereits im Vorfeld einige Probleme mit dem neuen Werk der Grimme-Preisträgerin.

 

Schickte sein Anwälte los: Christian Gérôme

Schickte sein Anwälte los: Christian Gérôme

Die Dünnhäutigkeit einiger war bemerkenswert: So schickte Immobilienhändler Christian Gérôme, Eigentümer der Fläche des an den Thälmannpark angrenzenden ehemaligen Güterbahnhofs, seine Anwälte vor, die sondieren sollten, ob und in welcher Form ihr Mandant in dem Film eine Rolle spielt.

Juliane Wiedemeier vom inoffiziellen Verlautbarungsorgan der hiesigen Immobilienwirtschaft hingegen fand, dass die Spezies der Hauptfinanziers der „Prenzlauer Berg Nachrichten“ in der Reportage völlig unterrepräsentiert wären und barmte, von ihnen wäre gar nur “mit Abscheu ausgesprochenen Worten wie ‘Immobilienentwickler’ oder ‘Investor’ die Rede.

Ach, hätte Julchen doch nur für eine dreiviertel Stunde mal ihre Kampfbrille abgesetzt, durch die ihr selbst ein gewisser Herr de Gier mit einem laufenden Privatinsolvenzverfahren als ein ehrenwerter “Bauinvestor” erschien, den es unbedingt – möglichst mit „Exklusivvereinbarungen“ – zu hofieren galt! Ihr wäre mit Sicherheit aufgefallen, dass es in dem Streifens mitnichten um die Tätigkeit sogenannter “Investoren” und “Immobilienentwickler” geht.
 

Lange Zeit unberührt von “Aufwertung” und Mietpreistreiberei

Eine kleine Ewigkeit lang lag das Wohngebiet Ernst-Thälmann-Park wie ein verwunschener Ort inmitten eines tosenden Meeres.

Wie ein verschwunschener Ort: Teich im Thälmannpark

Wie ein verschwunschener Ort: Teich im Thälmannpark

Während ringsumher über Jahre der Verteilungskampf um die Grundstücke tobte und die Immobilienpreise und Mieten in die Höhe schossen, blieb die Insel zwischen Greifswalder Straße, Danziger Straße und Prenzlauer Allee von all dem unberührt.

Nachdem die Claims in den Altbaugebieten nun weitgehend abgesteckt sind, rücken die Begehrlichkeiten näher an die Insel heran. Die Politik, die die die Verdrängung der einge-
sessenen Einwohner Prenzlauer Bergs erst mit beförderte und ihr später, als die Ausmaße erkennbar wurden, hilflos gegenüberstand, will nun gegensteuern.
Doch Anwohner des Wohngebiets wollen das nicht der Verwaltung allein überlassen.
 

Res publica

“Das ist meine Stadt. Nicht nur meine Wohnung, die ich gemietet habe, sondern meine Stadt, in der ich zu Hause bin mit allen anderen,” erklärte Markus Seng, einer der Bewohnern des Thälmannparks am Anfang der Reportage.

th“Zu Hause” heißt für Seng und all die anderen Protagonisten eben auch, sich verantwortlich fühlen für das Zuhause.

Etwa da, wo sich die Verwaltung in den letzten Jahren wegen chronischen Geldmangels ihren Aufgaben nur noch unzu-
reichend oder gar nicht mehr nachkommen kann: Bei der Grünflächenpflege etwa oder bei dem Teich, der vor ein paar Jahren zugeschüttet werden sollte und seitdem von enga-
gierten Mietern auf eigene Kosten erhalten und betrieben wird. Nicht nur für sie selbst, denn der Park ist ein öffentlicher und soll es auch bleiben.

Güterbahnhofsbrache: Grünzug oder Verwertungsobjekt?

Güterbahnhofsbrache: Grünzug oder Verwertungsobjekt?

Sie gründen eine Anwohner-Initiative, die sich nicht in Protesten erschöpft, sondern eigene Ideen entwickelt und Entwürfe präsentiert. Die Anwohner machen die Gestaltung ihres Zuhauses zur “res publica”, zur öffentlichen Angelegenheit.
An der Frage, wie mit einer unmittelbar am Thälmannpark
angrenzenden, sich in der Hand eines Immobilienhändlers befindenden stillgelegten Bahnfläche umgegangen werden soll, entzündet sich ein scheinbar unüberbrückbarer Konflikt. Die Anwohner wollen Grün, der Bezirk neigt dazu, dem Eigentümer Baurecht gewähren.

Zwischen den Stühlen: Jens-Holger Kirchner (rechts)

Zwischen den Stühlen: Jens-Holger Kirchner (rechts)

Eine Schlüsselszene des Films ist das Interview mit Jens-Holger Kirchner. Der Pankower Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung sitzt in dieser Sache sichtbar zwischen allen Stühlen.

Neben den Bürgern steht beim ihm der Senat auf der Matte, der nach über einem Jahrzehnt nicht stattgefundener Wohnungsbaupolitik nun schnell und ohne sich groß und stadtplanerische Einzelheiten zu verlieren, Wohnungen an gros produziert sehen will.
Und dann ist da noch der Eigentümer jenes ehemaligen Bahngrundstücks, der mit seinem Spekulationskauf Rendite zu machen wünscht und aus diesem Grund viel und hoch bauen möchte

Die Zerrissenheit des Bezirkspolitikers ist bei diesem O-Ton geradezu körperlich spürbar.
Das Ansinnen der Anwohnerinitive, das Güterbahnhofsareal als Grünfläche auszuweisen – was rechtlich möglich wäre – bezeichnet er als “unrealistisch.
Doch Kirchner erkennt auch die Gefahr, von dem Immobilieneigner – so, wie schon bei dessen Projekt in der Gleimstraße 52 – am Nasenring durch Manege geführt zu werden. Ihm ist aber auch klar, dass die Möglichkeit des Über-den-Tisch-gezogen-werdens nicht an bestimmte Figuren aus der Immobilienbranche festzumachen ist und benennt als ein gravierndes Beispiel dafür die vor Jahren erbauten “Prenzlauer Gärten” an der Straße am Friedrichshain.
 
Die Entscheidung über darüber fällt in letzter Instanz die Bezirkspolitik.
Doch Anwohner beharren auf ein Mitspracherecht, das mehr beinhaltet, als nur das Ausschmücken des von der Verwaltung vorgegebenen Rahmens.

“Sie (die Anwohnerinitiative) wird sich in Zukunft überall einmischen”, heißt es gegen Ende des Films – um mit der Frage zu schließen: “Wieviel Demokratie verträgt Marktwortschaft – oder müsste man nicht umgekehrt fragen?”

 

Der Film kann hier in der rbb-Mediathek abgerufen werden.

 

Fotos von der Premierenfeier im Thälmannpark & Galerie mit rund 60 Bildern

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Für die einzelne Betrachtung der rund 60 Fotos das entsprechende Bild anklicken.
Für die Betrachtung als Dia-Show: PicLensanklicken

 

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2 Kommentare zu “Wildwest-Premiere im Thälmannpark”

  1. kiezneurotiker

    Mai 05. 2014

    Danke. Schöner Bericht über einen sehenswerten Film. Und danke auch ganz explizit dazu, eine klare Position zu den Zuständen zu haben. Das ist selten und in den etablierten Medien gar nicht mehr oder nur noch verklausuliert zu finden.

    Was wir hier erleben, sind die letzten Kämpfe eines Krieges, der im Prinzip schon vor Jahren entschieden wurde. Mit dem Denkmalschutz des Areals ist noch einmal ein Coup gelandet worden, der die Entwicklung zumindest eine zeitlang aufhalten wird. Doch machen wir uns nichts vor: Dann dauert es eben ein Jahrzehnt länger bis auch diese Gegend kippt und sie bauen vielleicht ein paar Townhäuser weniger, aber der Weg ist eingeschlagen und auf lange Sicht wird auch dieses Biotop sympathischer Altbewohner dem Renditedruck weichen.

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  2. Günter Hahn

    Mai 06. 2014

    Dem Kiezneurotiker kann im ersten Teil seiner Auffassung ausdrücklich zugestimmt werden.

    Im zweiten Teil allerdings kommt die neurotische Seite des Verfassers deutlich zum Ausdruck, indem er meint es gäbe nichts, was dem Rendite-druck Einhalt gebieten kann.

    Anwohner-Initiativen sind durchaus jetzt schon in der Lage, wirksame Korrekturen an von Politik und “Investoren” beabsichtigten Vorhaben durchzusetzen. Vor allen Dingen jedoch steht fest, dass Initiativen von Bürgern wesentliche Vorteile gegenüber Investoren haben. Das sind:
    – Sie sind in der Mehrzahl,
    – sie benötigen kein Geld – auch kein geliehenes- und
    – sie wachsen fortlaufend nach.

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